NSIMA STATT KLOß MIT SOß

In den letzten Jahren hat sich meine Art und Weise, die Welt zu erkunden, geändert: Früher war ich ganz klassisch unterwegs, wollte so viel wie möglich sehen, war immer nur kurze Zeit an einem Ort. Dann habe ich immer mehr versucht, wirklich in den Ländern zu leben und mir Zeit für die Länder zu nehmen. Mein Traum war immer, als Fotografin und Journalistin in den verschiedensten Ländern arbeiten zu können. Und irgendwann bin ich in Malawi gelandet, einem kleinen Land in Südostafrika, in dem ich drei Monate mit einem Stipendium bei einem Fernsehsender und einer Filmschule gearbeitet habe.

Die Arbeit sieht genauso aus, wie bei einem deutschen Sender: Ich filme, schneide Videos, moderiere eine Radiosendung über Umweltschutz und lese ab und zu die Nachrichten. Nur manchmal ist es etwas chaotisch. Als chronische Zuspätkommerin bin ich es zum Beispiel nicht gewohnt, dass jemand noch später zu Terminen erscheint. Wenn ich hier allerdings zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit am Treffpunkt bin, bin ich immer noch vier Stunden zu früh. Ich lerne erst nach und nach, dass Pläne sich hier mit absoluter Zuverlässigkeit mehrmals ändern und es naiv ist, sich auf Zeitangaben zu verlassen. Das passt einfach nicht zum Lifestyle.

Während mein Leben sich bald wie Alltag anfühlt und Malawi ganz schnell zu meinem neuen Zuhause wird, gibt es trotzdem immer wieder ungewöhnliche Situationen. Zum Beispiel führe ich manchmal Interviews mit traditionellen Tänzern und Dorfoberhäupten mitten im Busch. Da gibt es dann Krönungszeremonien, die eine sehr skurrile Mischung aus Tradition und Moderne sind: Während mit Fell bekleidete Männer Stammestänze aufführen, trommeln und fröhlich Ziegen verschenken, singt ein Mann mit kariertem Hemd und Mikrofon in der Hand lautstark zu Playbacks der aktuellen Charts.

Zeitgleich ritzt mir ein traditioneller Heiler mit einer Rasierklinge in meinen Finger, reibt mich mit einem Kräuterpulver ein und erklärt mir ausführlich, was das bewirkt: Glück bei Bewerbungsgesprächen, jede Menge Geld, auf jeden Fall Gesundheit, Erfolg bei Männern, Überlegenheit bei Gehaltsverhandlungen und ein gutes Gespür bei allen zukünftigen Entscheidungen. Klingt gut, denke ich, dann kann in Zukunft ja nichts mehr schiefgehen.

Untergebracht bin ich übrigens am Rande der Stadt bei einer malawischen Großfamilie. Wir sind immer mindestens dreizehn Leute im Haus – meistens aber wesentlich mehr, weil Besucher da sind, die für ein paar Nächte bleiben. Dann kommt es schonmal vor, dass ich mit zehn Leuten und drei Generationen im Zimmer schlafe, vom einjährigen Kleinkind bis zur 70-jährigen Frau. Komplizierte Verwandtschaftsbezeichnungen gibt es dabei nicht. Als mir anfangs das fünfte Mal eine Frau als “Mum” vorgestellt wurde, war ich ziemlich verwirrt. Es wird hier nicht unterschieden, wer Cousin, Schwager, Tante , Oma oder Freund ist – alle sind “Mum”, “Dad”, “Sister” oder “Brother”. Dementsprechend bin ich eine weitere Tochter in der Familie und werde von Anfang an wie ein vollwertiges Familienmitglied behandelt.

Dass es unterschiedliche Gesellschaftsklassen gibt, macht sich ganz eindeutig bemerkbar: Während viele Familien mit dem Mindesteinkommen von 30€ pro Monat auskommen müssen, gibt es in den Städten Familien, deren Lebensstandard sich kaum von dem in Deutschland unterscheidet. Meine Familie gehört zu den rund 10% der Bevölkerung, die Strom haben und obwohl wir jeden Tag mehrere Stunden Stromausfall haben, ist das für malawische Verhältnisse Luxus. Fließend Wasser gibt es nicht, wir haben aber eine Pumpe im Garten und auf der Feuerstelle steht immer ein Topf mit warmem Wasser zum Duschen. Zimperlich darf man natürlich trotzdem nicht sein. Vor allem Frauen lernen von klein auf, Wassereimer zu tragen, Kleidung mit der Hand zu waschen, immer für die ganze Großfamilie zu kochen und bei alledem ein Baby auf dem Rücken zu tragen.

Insgesamt ist das Familienleben nicht sehr anders als bei mir Zuhause. Bei so einer großen Anzahl an Leuten muss man aber natürlich immer praktisch denken: Einmal, als besonders viele Leute zu Besuch waren, haben wir zwei Wochen lang auf in Folie verpackten Matratzen und Kissen geschlafen – danach konnten wir sie einfach wieder an den Laden zurückgeben.

Auch was das Essen angeht, habe ich dazugelernt: Deutsches Essen für über zwanzig Leute zu kochen, während die Küche voll mit tanzenden Menschen ist, hat sich als große Herausforderung herausgestellt. Viel besser ist es da, mit einem zwei Meter langen Kochlöffel Nsima zuzubereiten – der Brei aus Maismehl und heißem Wasser ist hier das Nationalgericht, günstiger als Reis und sorgt für Begeisterung bei jedem Malawier. Gegessen wird mit den Händen, darin bin ich inzwischen fast ein Profi.

Mein täglicher Weg zur Arbeit führt durch eine Siedlung mit vielen kleinen Häuschen. Die Läden dort sind nicht größer als zwei Quadratmeter, in der Mitte des Raumes steht immer ein Tisch und darauf befindet sich das Nötigste für das jeweilige Geschäft: Bei einem Copyshop der Drucker, in einem Frisiersalon Schere und Kunsthaar oder eine Nähmaschine für den Schneider. Die Atmosphäre in dem kleinen Dorf ist so ausgelassen und fröhlich, dass ich zuverlässig gute Laune bekomme, wenn ich das Dorf durchquere. Auf der anderen Seite des Dorfes fahren Minibusse ab, mein häufigstes Transportmittel hier. Feste Abfahrtszeiten gibt es dabei nicht und ich muss oft kämpfen, um einen Platz in den überfüllten Reihen zu bekommen. Da sitze ich dann halb auf, halb unter zwanzig anderen Leuten. Vor mir versucht ein Mann zwei lebendige Hühner im Zaun zu halten, von der Decke hängen stinkende Fische, die bei jeder Kurve gegen meine Schulter klatschen, die Frau links packt ihre Brust aus und beginnt ihr Baby zu stillen und ein Junge aus der Reihe hinter mir hält mir einen Spieß mit verkokelten schwarzen Sücken unter die Nase. Magst du vielleicht ein paar Mäuse?, fragt er und strahlt mich erwartungsvoll an. Danke, aber gerade bin ich nicht so hungrig, grinse ich und freue mich über diese alltäglichen Skurrilitäten.

In Malawi ist Englisch die Amtssprache und während in den ländlichen Gegenden der Großteil Chichewa oder eine der anderen Lokalsprachen spricht, haben in der Stadt so ziemlich alle gute Englischkenntnisse. Meine Familie hat mir neulich erzählt, dass Deutsche hier den Ruf haben, nur sehr schlecht Englisch zu sprechen. Ohje, ein deutsches Mädchen? Wie wollt ihr euch denn mit der unterhalten?, hatten einige ihrer Freunde vorher gesagt und sie hatten tatsächlich ein bisschen Bedenken. Zum Glück kann ich beweisen, dass es auch englischsprechende Deutsche gibt. Sicher trägt auch die problemlose Kommunikation dazu bei, dass ich mich hier sehr schnell Zuhause gefühlt habe – vor allem liegt es aber an der Art der Menschen. Malawier sind extrem herzlich, gastfreundlich, selbstlos. Malawi ist ein friedliches Land. Wir haben nie etwas Böses getan, es gibt keinen Rassismus, hier ist jeder Willkommen, erzählen sie mir immer wieder stolz. In den drei Monaten habe ich keine einzige negative Erfahrung gemacht – dafür aber jede Menge gelernt. Ich sehe mich schon nach meiner Rückkehr in einer fränkischen Wirtschaft sitzen und zur Bedienung sagen: Nein danke, ich brauche kein Besteck für meinen Kloß mit Soß, ich habe ja meine Hände.



Meine Oma und ihr Haus auf dem Land.
Ist wunderschön da!
Und es gab frische Tauben als Mittagessen.

































Meine Hood, mein Weg zur Arbeit, meine Lieblingsköche,
mein Lieblingsmarkt, Lieblingsfriseur. Übrigens lässt sich
niemand die Haare schneiden, es gibt nur Extensions.

























Verschiedene traditionelle Zeremonien. Besonders die Initiierungszeremonie
ist sehr umstritten. Da werden junge Mädchen für eine Zeit lang in eine Art Camp
geschickt. Dort lernen sie, wie sie sich als gute Ehefrau verhalten sollen.
Früher wurden sie von einem der Dorfältesten auch entjungfert, inzwischen
unterbinden die meisten Häuptlinge solche Praktiken aber.
Sie möchten sich zudem mehr für die Aufforstung einsetzen. Der Großteil der Bäume
wurde für Kohle abgeholzt und obwohl immer wieder Journalisten darüber
berichten, wie falsch das doch ist, gibt es selten nachhaltige Lösungsvorschläge,
die den Menschen Alternativen zum Kochen und Heizen vorschlagen.
Solange wird weiter illegal abgeholzt und Initiativen, die Bäume pflanzen und
das Bewusstsein für die Natur schaffen, sind unheimlich wichtig.

















Von Fischen und Elefanten.
Fische sollte man nicht züchten.
Elefanten sollte man nicht reiten.























Es ist fast unmöglich, die vielen Geschichten zu erzählen, die ich erlebt habe. Ich werde das bald in mehrere kleine Beiträge packen, mit ein paar Bildern und passendem Text. Das hier ist jetzt erstmal nur eine kleine, kunterbunte Auswahl, ein persönliches Gefühl, ein paar Gesichter, ein paar Anekdoten.









2018-10-16T00:19:34+00:00

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